Das Bündnis der Herzen

Als Ihre Majestät Königin Inkompetenzia noch nicht auf dem Thron saß, sondern sich lediglich durch Ballsäle delegieren ließ, stand ein großes politisches Ereignis bevor: die „Konferenz der geteilten Kronen“.

Zwei Reiche lagen im Zwist – das eine bekannt für seine mannigfaltigen Salz- und Erzminen, das andere für seine exzellenten Lipizzaner. Und wer wurde als diplomatische Gesandte auserkoren? Niemand Geringeres als die junge Inkompetenzia – nicht etwa wegen ihrer diplomatischen Geschicke, sondern weil sie am lautesten behauptete, sie besäße welche, und dies mit einem tiefen Dekolletee unterstrich.

Man munkelte, sie habe bereits beim Empfangsbuffet eine kleine Provinz an einen mitleidigen, aber adretten Kammerdiener verspielt – und sich gleichzeitig einen Antrag eingehandelt.

Doch das wahre Drama nahm erst bei den Verhandlungen Gestalt an, als der Thronfolger von Rosmarinia den Saal betrat: Prinz Lavandor, ein junger Mann mit einer Stimme wie samtiger Bordeaux, Augen wie Golddukaten und einem angeborenen Gespür für politische Schwächen, das selbst Machiavelli vor Neid erblassen ließ.

Als ihr Blick den seinen traf, stockte ihr der Atem. Ihr königlicher Fächer entglitt klirrend ihrer Hand, und zum ersten Mal seit den ersten Unterrichtseinheiten in höfischem Gebaren vergaß sie, wie man strategisch lächelte. Ihr Herz klopfte schneller, ihr Dekolleté hob sich in dramatischer Wellenbewegung. Sie rang um Contenance, doch in ihrem Inneren tobte ein barbarischer Orkan. Sie fühlte ihre Sinne schwinden – und fand sich einen Wimpernschlag später in den Armen des königlichen Sprosses wieder.

Inkompetenzia war – im wahrsten Sinne – hingerissen. Noch bevor das erste Abkommen unterzeichnet war, war bereits ihr Herz verschenkt.

Während die Höflinge und diplomatischen Gesandten über Grenzverläufe und Goldpreise debattierten, lauschte sie Lavandors Tipps zu Pariser Schneidern – und ließ im Gegenzug ihre Trüffelpräferenzen einfließen.

Doch Inkompetenzia war nicht die Einzige, die Lavandors Charme erlag. Die Gräfin von Tartar ließ täglich neue Ausschnitte in ihre Roben nähen. Herzogin Rosalinde, sonst stets eine unscheinbare Erscheinung, badete plötzlich täglich in Lavendelwasser und verlas während der Mittagspause lautstark „Die Kunst der Verführung.“

Inkompentenzia hingegen verließ sich auf ihren natürlichen Instinkt: das heimliche Abändern des Sitzplans – und ein dramatisch inszeniertes Weintrauben-Verschlucken in Lavandors Nähe.

 

„Ich bin überzeugt, er bewunderte meine rosige Haut und meine Widerstandskraft mehr als deren bloße Schultern“, notierte sie später in ihr Tagebuch, direkt neben einer Skizze seiner Wimpern.

 

In einer der nächtlichen Sitzungen – während sich die Diplomaten mit Gewürz- und Grenzkonflikten plagten – saßen die beiden allein im Weinkeller des Palastes zu Heckenklesch. Zwischen rubinroten Schatten und dem Duft von Eichenfässern schenkte er ihr ein Glas nach dem anderen ein, hob es mit einem charmanten ,Auf die Ewigkeit‘ an – und küsste sie zwischen zwei Fässern Amarone.

Seine Lippen schmeckten nach dunklen Beeren und einem Hauch Verrat. Ihre Knie gaben unter dem Gewicht der unerwarteten Gefühle beinahe nach. Zum ersten Mal in ihrem jungen Leben dachte sie nicht an Ballsaal-Etikette oder Verhandlungsstrategien. Nicht einmal an Ländereien oder Trüffel. Nur an ihn.

Sie sprach von einer gemeinsamen Herrschaft, er von Zusammenlegung der Territorien und Verstärkung des Heeres. Ihr wurde warm ums Herz – und kalt im Nacken, als sie begriff. Ihre Illusion zerfiel wie billiges Blätterteiggebäck. Dies war keine Liebe. Es war Taktik. Und sie war nicht die Spielerin, sondern die Trophäe.

 

Am nächsten Morgen eröffnete Inkompetenzia feierlich den Frühstückstisch mit einem Lächeln, das Gläser beschlagen ließ. Dann legte sie ihre Karten buchstäblich auf den Tisch. Mit einem königlichen Federstreich und einem dekadenten Lächeln zockte sie Lavandor sein Herzogtum ab – samt angrenzendem Kurort.

Noch in derselben Nacht ließ sie das Kleid verbrennen, das sie bei jenem Kuss getragen hatte. Und am folgenden Morgen thronte sie mit neuer Robe und Krone über der finalen Sitzung.

Die Allianz kam zustande. Die Liebe jedoch nicht.

 

„Liebe vergeht“, sprach sie später beim Pressetermin, während sie sich eine Kaviarkugel in Gold über den Zungenspiegel rollte.

„Hektar besteht.“

 

Und in dieser Allianz – so sagte man – fand die Königin ihre wahre Berufung: das Delegieren mit gebrochenem Herzen und erhobenem Kinn. Denn Herzschmerz mochte schwächen – sie aber stärkte er. Dieser Fehler würde ihr kein zweites Mal unterlaufen.